Symptomenlexikon: Warum wir Homöopathie nicht historisch einfrieren wollen

Das Symptomenlexikon arbeitet konsequent mit historischen Arzneiprüfungen. Wir respektieren diesen Ansatz – und kommen dennoch zu einer anderen Schlussfolgerung. Denn für uns gehört zur Homöopathie auch, weiterzufragen, neuere Arzneien einzubeziehen und Hahnemann nicht als Endpunkt, sondern als Ausgangspunkt zu verstehen.



Symptomenlexikon und Hahnemann:

Wo unsere Kritik beginnt, warum uns ein historisch begrenzter Arzneischatz nicht reicht – und weshalb Hahnemann selbst kaum als Kronzeuge für Stillstand taugt.
Immer wieder mal werden wir auf das Symptomenlexikon angesprochen. Und zwar mit einer Frage, die uns schon ziemlich lange begleitet:

Was haltet Ihr eigentlich davon?

Also gut.

Zuerst etwas Wichtiges, bevor hier irgendjemand die homöopathischen Messer wetzt:

Wir haben überhaupt kein Problem damit, wenn Kolleginnen gerne mit dem Symptomenlexikon arbeiten.

Wenn jemand damit gute Ergebnisse erzielt, wenn die Methode zur eigenen Denkweise passt und Sicherheit in der Fallanalyse gibt: wunderbar. Wir müssen in der Homöopathie wirklich nicht alle auf dieselbe Weise arbeiten.
Und nein: Das hier ist auch kein Konkurrenzkampf um die Frage, wer die „bessere Homöopathie“ macht.

Doch es gibt einen Punkt, an dem sich unsere Wege deutlich trennen.

Ein begrenzter Arzneischatz reicht uns nicht

Für uns ist die Arbeit mit einem historisch stark begrenzten Arzneischatz, de facto weniger als 200 Arzneimittel, nicht ausreichend. Das ist wahrscheinlich der Kern unserer unterschiedlichen Sichtweise.

Und wir möchten Arzneimittel auch nicht nur anhand einzelner Symptome differenzieren.
Wir möchten sie verstehen.
Wir möchten wissen:
Was ist das für ein Mensch?
Wie reagiert er?
Was zieht sich durch diesen Fall?
Was verändert sich unter Belastung?
Was ist charakteristisch – und was nur Begleitmusik?

Und wir möchten dabei auf alles zurückgreifen können, was sich in inzwischen mehr als 200 Jahren Homöopathie entwickelt hat.

Auf alte Prüfungen.
Auf neue Prüfungen.
Auf klinische Erfahrung.
Auf Erkenntnisse der Medizin, der Psychologie, der Traumaforschung, der Umweltmedizin ...
Auf Nosoden, Sarkoden, Tiermittel und andere später hinzugekommene Arzneien.
Auf Hering, Clarke, Tyler, Boericke, Vithoulkas, Sankaran, Sherr, Morrison – und viele andere.

Und natürlich auch auf die Erfahrungen, die wir selbst in vielen Jahren Praxis gesammelt haben.

Genau deshalb tun wir uns schwer mit der Vorstellung, dass ausgerechnet eine bestimmte historische Auswahl von Arzneimitteln der Bereich sein soll, innerhalb dessen wir uns bewegen müssen.

Nicht, weil diese alten Quellen schlecht wären. Ganz im Gegenteil. Wir halten sie für enorm wichtig.

Doch: Alte Quellen ernst zu nehmen bedeutet für uns nicht, alles auszuschließen, was danach gekommen ist.

Das Symptomenlexikon hat seinen Platz

Und vielleicht ist das der diplomatische Punkt, an dem man sich problemlos begegnen kann:
Das Symptomenlexikon ist eine konsequente Methode, alte Arzneiprüfungen systematisch auszuwerten.

Das respektieren wir.
Es ist nur schlicht nicht unsere Art, Homöopathie zu denken und zu praktizieren.
Unsere Homöopathie ist historisch verwurzelt – aber nicht historisch abgeschlossen.

Sie darf sich entwickeln.
Sie darf neue Arzneien integrieren.
Sie darf neue Fragen stellen.
Und sie darf auch darüber diskutieren, ob das, was wir heute tun, noch zu dem passt, was Hahnemann eigentlich wollte.

Genau da wird es für uns spannend.

Denn wenn man sich auf Hahnemann beruft, lohnt sich die Frage: Was hätte eigentlich Hahnemann selbst von der Idee gehalten, den Arzneischatz irgendwann für abgeschlossen zu erklären?

Hahnemann selbst sah einen kleinen Arzneischatz als Problem

Natürlich können wir Samuel Hahnemann heute nicht mehr fragen. Doch wir können lesen, was er geschrieben hat.

Und da wird es interessant.

In §162 Organon beschreibt Hahnemann sinngemäß ein Problem, das aus unserer Sicht erstaunlich gut in diese Diskussion passt:

Wenn wegen der noch begrenzten Zahl genau bekannter Arzneien keine Arznei gefunden werden kann, die das gesamte Krankheitsbild abdeckt, muss man sich zunächst mit einer nur teilweise passenden Arznei begnügen.

Und in §163 Organon folgt der entscheidende Punkt:

Von einer solchen nur unvollkommen passenden Arznei könne eben auch keine vollständige, unbeschwerliche Heilung erwartet werden.

Das finden wir bemerkenswert. Denn Hahnemann sagt damit im Grunde:

Ein zu kleiner Arzneischatz ist ein Problem.

Nicht ein Ideal. Nicht ein Qualitätsmerkmal. Ganz bestimmt kein Zustand, den man für alle Zukunft konservieren sollte.

Was ist mit später geprüften Arzneien?

Damit stellt sich für uns eine ziemlich einfache Frage:

Wenn heute ein später geprüftes Arzneimittel die größte Ähnlichkeit mit einer Patient:in hat – warum sollten wir es nicht verwenden?

Carcinosinum.
Tuberculinum.
Medorrhinum.
Lac humanum.
Placenta.
Amphisbaena.
Oder eines der vielen anderen Arzneimittel, die Hahnemann schlicht nicht kennen konnte.

Sollen wir dann stattdessen eines seiner Mittel wählen, das eben nur ungefähr passt?
Ausgerechnet Hahnemann selbst scheint uns dafür kein besonders guter Kronzeuge zu sein.

Hahnemann war kein Bewahrer eines fertigen Systems

Dieser Mann hat ja nun wirklich nicht aufgehört zu forschen.

Er prüfte.
Er beobachtete.
Er überarbeitete.
Er diskutierte.
Er verwarf.
Er änderte seine Positionen.
Und er integrierte Neues.

Noch im hohen Alter arbeitete er an der sechsten Auflage des Organon. Auch sein Arzneischatz war für ihn offensichtlich kein abgeschlossenes Museum.

Er beschäftigte sich sogar mit Psoricum – später Psorinum genannt - obwohl er dem von Hering verfolgten Ansatz, mit Nosoden zu behandeln, sehr kritisch gegenüber stand.

Deshalb fällt es uns ausgesprochen schwer, uns Hahnemann so vorzustellen: „So. Fertig. Jetzt haben wir genug Arzneien.“

Ehrlich gesagt wirkt er auf uns eher wie jemand, der gefragt hätte: „Warum habt Ihr aufgehört weiterzuforschen?“

Natürlich ist das zugespitzt. Schaut man sich sein Leben und seine Schriften an, erscheint uns eines ziemlich eindeutig:

Hahnemann war kein Bewahrer eines fertigen Systems.

Er war ein Entwickler.

Und wahrscheinlich ein ziemlich unbequemer dazu.

Er veränderte seine eigene Methode immer wieder.
Er entwickelte die Potenzierung weiter.
Er veränderte Dosierungen.
Er arbeitete an der Fallaufnahme.
Er beschäftigte sich mit chronischen Krankheiten.
Er suchte immer weiter.

Tradition ist nicht Stillstand

Wir werfen Newton heute schließlich auch nicht weg. Doch niemand käme auf die Idee zu sagen:

Newton war brillant – deshalb darf nach ihm niemand mehr neue Physik machen.

Genau so verstehen wir auch Homöopathie.
Wir wollen Hahnemann nicht überwinden.
Wir wollen ihn auch nicht modernisieren, bis nichts mehr von ihm übrig bleibt.
Wir wollen genau lesen, was er geschrieben hat.
Wir wollen verstehen, warum er bestimmte Dinge getan hat.
Und wir wollen seine Arbeit ernst nehmen.

Wir glauben nicht, dass Treue zu Hahnemann bedeutet, für immer an dem Punkt auszuharren, an dem er 1843 stand, als er gestorben ist.

Vielleicht sogar im Gegenteil.

Vielleicht ist es sehr hahnemannisch, weiterzufragen.

Weiter zu prüfen. Weiter zu beobachten. Weiter zu diskutieren. Auch Dinge wieder zu verwerfen.

Für uns bedeutet Tradition jedenfalls nicht Stillstand.

Oder noch kürzer: Bewahren ist etwas anderes als Einfrieren.

Und ausgerechnet Samuel Hahnemann scheint uns als Kronzeuge fürs Einfrieren ziemlich ungeeignet.

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