STREPTOKOKKINUM · EINE POSITION

Streptokokkinum

Zwischen Hype, Erfahrung und homöopathischer Individualität.

Kaum ein homöopathisches Arzneimittel hat in den vergangenen Jahren so viel Aufmerksamkeit bekommen wie Streptokokkinum – insbesondere Streptococcus pyogenes Tilch.

Wir haben uns mit Streptokokkinum beschäftigt, bevor der große Hype begann. Andreas Tilchs Buch war gerade erschienen, und wir gehörten zu den Ersten, die ihm und seinen Überlegungen zu diesem Arzneimittel eine größere Bühne gegeben haben.

Heute sehen wir den Hype um Streptokokkinum deutlich kritischer.

Nicht, weil wir das Mittel heute einfach ablehnen. Sondern weil uns die Beschäftigung damit zu einer Frage geführt hat, die weit über Streptokokkinum hinausgeht:

Was passiert mit homöopathischem Denken, wenn ein einzelnes Arzneimittel plötzlich für sehr viele Menschen und sehr viele Beschwerden passend erscheinen soll?

Warum wir heute anders über Streptokokkinum sprechen

Unsere Beschäftigung mit Streptokokkinum begann nicht mit Skepsis. Im Gegenteil.

Das Mittel machte uns neugierig. So neugierig, dass wir Streptokokkinum schon früh einen eigenen Salonabend widmeten und Andreas Tilch einluden, seine Erfahrungen und Überlegungen zum Mittel bei uns vorzustellen.

Wir wollten verstehen: Was steckt dahinter? Worauf stützen sich die weitreichenden Anwendungsideen? Und was davon lässt sich für die homöopathische Praxis nachvollziehen?

Genau diese Fragen haben uns anschließend weiter beschäftigt.

Denn je intensiver wir uns mit Streptokokkinum auseinandersetzten, desto größer wurde bei uns nicht die Gewissheit, sondern die Skepsis.

Uns fehlte an entscheidenden Stellen das, was wir für eine weitreichende Arzneimittelidee brauchen: eine nachvollziehbare Herleitung, eine belastbare Differenzierung und genügend Gründe, warum ausgerechnet dieses Arzneimittel in einem konkreten Fall angezeigt sein sollte.

Das bedeutet nicht, dass wir Streptokokkinum grundsätzlich ablehnen.

Es bedeutet etwas anderes:

Je größer das Versprechen eines Arzneimittels wird, desto genauer möchten wir wissen, worauf dieses Versprechen beruht.

Und genau da beginnt für uns die eigentlich interessante Geschichte von Streptokokkinum.

Warum solche Arzneimittelideen so verführerisch sind

Ein Arzneimittel, das plötzlich bei sehr unterschiedlichen Beschwerden, Lebensgeschichten und Krankheitsverläufen eine Rolle spielen soll, hat einen enormen Reiz.

Es verspricht etwas, wonach wir in komplexen Fällen verständlicherweise suchen: einen Zusammenhang.

Plötzlich scheinen einzelne Symptome, biografische Erfahrungen, wiederkehrende Erkrankungen und vielleicht sogar ganze Familiengeschichten Teil desselben Musters zu sein.

Und manchmal ist das tatsächlich der Moment, in dem ein Fall verständlicher wird.

Problematisch wird es für uns dort, wo aus einer interessanten Beobachtung nach und nach eine Erklärung für fast alles wird.

Wenn immer mehr Symptome zu einem Arzneimittel passen, müssen wir deshalb nicht weniger kritisch werden, sondern kritischer.

Denn irgendwann stellt sich die entscheidende Frage:

Passt dieses Arzneimittel wirklich zu diesem Menschen – oder haben wir begonnen, den Menschen passend zum Arzneimittel zu erklären?

Genau an dieser Stelle wird Streptokokkinum für uns exemplarisch.

Nicht nur als Arzneimittel.

Sondern als Beispiel dafür, wie schnell aus einer spannenden homöopathischen Idee ein Deutungsmodell werden kann, das sich selbst immer wieder bestätigt.

Was wissen wir eigentlich?

Diese Frage stellen wir uns bei jedem Arzneimittel. Bei einem Mittel, dem besonders weitreichende Wirkungen zugeschrieben werden, wird sie umso wichtiger.

Für uns gehören dabei vier Fragen auf den Tisch:

Was ist tatsächlich dokumentiert?

Welche Arzneimittelprüfungen, Ausgangssubstanzen und Primärquellen gibt es? Welche Symptome lassen sich tatsächlich auf diese Quellen zurückführen?

Was wurde klinisch beobachtet?

Welche Erfahrungen stammen aus konkreten Fällen? Wie gut sind diese Fälle dokumentiert – und lässt sich nachvollziehen, warum Streptokokkinum gewählt wurde?

Was ist Interpretation?

Welche Zusammenhänge wurden erst später aus Fällen, Krankheitsgeschichten oder theoretischen Überlegungen abgeleitet?

Und was wissen wir nicht?

Das ist für uns keine lästige Lücke, die möglichst schnell mit einer Erklärung gefüllt werden muss.

Es ist eine fachlich relevante Information.

Gerade bei Streptokokkinum finden wir es deshalb wichtig, nicht alles, was über das Mittel erzählt, gelehrt oder klinisch beobachtet wurde, automatisch auf dieselbe Ebene zu stellen.

Eine interessante Beobachtung kann der Anfang einer Spur sein.

Sie ist noch kein Beweis dafür, dass daraus eine allgemeingültige Arzneimittelregel wird.

Wo unser Widerspruch beginnt

Unser Problem ist nicht Streptokokkinum.

Unser Problem beginnt dort, wo aus einem homöopathischen Arzneimittel eine Erklärung für sehr viele unterschiedliche Fälle wird.

Wenn Diagnosen, wiederkehrende Infekte, psychische Themen, biografische Erfahrungen oder familiäre Zusammenhänge immer wieder auf dasselbe Mittel hinweisen sollen, entsteht schnell ein geschlossenes System:

Man findet Streptokokkinum, weil man nach Streptokokkinum sucht.

Für uns widerspricht das einem wesentlichen Teil homöopathischer Arbeit.

Wir möchten nicht vom Arzneimittel ausgehend überlegen, wie ein Mensch dazu passen könnte. Wir möchten vom konkreten Fall ausgehen und fragen:

Was ist hier tatsächlich charakteristisch?
Was trägt diesen Fall?
Welche Arzneimittel kommen dafür infrage?
Und wodurch lässt sich eines davon gegenüber den anderen begründen?

Streptokokkinum darf dabei am Ende stehen.

Doch es sollte nicht schon am Anfang feststehen.

Ein großes Arzneimittel braucht keine kleine Begründung.

Je umfassender die Aussagen über ein Mittel werden, desto mehr interessieren uns die Grundlagen dafür – nicht desto weniger.

Deshalb überzeugen uns weder die Vorstellung eines nahezu universell einsetzbaren Arzneimittels noch weitreichende Zuordnungen allein deshalb, weil sie in einzelnen Fällen plausibel erscheinen.

Plausibilität ist ein guter Anlass hinzusehen. Sie ersetzt keine Differenzierung.

Und ja: Auch wir waren begeistert.

Wir haben Streptokokkinum selbst ausprobiert, darüber gesprochen und ihm früh einen Salonabend gewidmet.

Heute würden wir manches davon anders einordnen.

Das finden wir nicht unangenehm, sondern notwendig. Fachliche Entwicklung bedeutet für uns auch, die eigene Begeisterung zu überprüfen und eine Position zu verändern, wenn Beobachtungen und Argumente nicht mehr tragen.

Nicht jede gute Idee bleibt eine gute Idee, nur weil wir sie einmal gut fanden.

Was bleibt also von Streptokokkinum?

Ein interessantes homöopathisches Arzneimittel, mit dem man sich beschäftigen kann.

Doch für uns kein Universalmittel, keine Abkürzung durch komplexe Fälle und kein Ersatz für eine sorgfältige Anamnese und Fallanalyse.

Die entscheidende Frage lautet deshalb für uns heute nicht:

„Was kann Streptokokkinum alles?“

Sondern:

Warum sollte Streptokokkinum in genau diesem Fall das passende Arzneimittel sein?

Wenn wir darauf eine gute Antwort haben, wird es interessant.

Mehr Gedanken, Arzneimittel und fachliche Diskussionen findest du in unserem Journal.